Zeitzeugin der DDR-Diktatur und Buchautorin


Es ist unwichtig, was uns unsere Eltern mitgegeben haben,
sondern was wir heute damit anfangen
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DDR-Tabuthema

Kindesmissbrauch tausendfach vertuscht: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

In der DDR war sexueller Kindesmissbrauch nicht nur geächtet, sondern auch auch ein politisches Tabu. "So etwas" hatte in der sozialistischen Gesellschaft nicht mehr vorzukommen. Die erste systematische Untersuchung zeigt: Es gab Tausende Opfer, deren Leid von höchster Stelle vertuscht wurde. Die Betroffenen blieben fast immer allein.

Von Katharina Kluin – Journalistin beim Stern

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

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Für Manuela Keilholz wurde diese Heile-Welt-Ideologie zum Gefängnis. Denn ihre Eltern waren stramme Genossen. Die Mutter Fernmelderin im Nachrichtenwesen der Polizei, Geheimnisträgerin hohen Grades. Ihr Vater Stasimitarbeiter. Es gab nur die offiziellen Wahrheiten im Hause Keilholz.

"Es war bigott"

"Nicht weinen, das machen Väter und Mütter ja auch so", sagte Manuelas Halbbruder eines Abends, als er unter ihre Decke schlüpfte, so erinnert sie sich. Da war sie sieben und er elf. Danach rief er seinen jüngeren Bruder dazu. Der war erst neun, bei ihm tat es nicht so weh, sagt sie. Die vielen Male danach wurde es schlimmer.

Manuela Keilholz traute sich nicht, ihren Eltern etwas zu sagen. Sie war gerade erst aus dem Wochenheim nach Hause gekommen – einer Sechstagekita, aus der sie nur von Samstagmittag bis Montagfrüh zu den Eltern konnte. Sie schwieg, weil sie endlich zur Familie gehören wollte. Und ging deshalb auch irgendwann mit, als der Große ihr einen "geheimen Ort" zeigen wollte.

Zwei Jungen, gut 15 Jahre alt, warteten in dem Kanalschacht in Friedrichshain auf sie. "Du bist also die Schwester", sagten sie, während ihr Halbbruder im Dunkel verschwand. Sie war neun. Sie weiß nicht mehr, was dann passierte, die Erinnerung hat sie in dem Schacht gelassen. Sie weiß nur, dass es schließlich nass zwischen ihren Beinen war.

Da war ihr schon klar, dass man ihr all das nicht glauben würde, was passiert war. Weil es nicht passiert sein durfte. Die Familie hatte gut zu funktionieren und regimetreu zu denken. "So etwas", hörte sie immer wieder über Vergewaltigung und Missbrauch, "passiert nur im kapitalistischen System."

Dabei war ihre Mutter durch ihre Arbeit bei der Polizei so gut im Bilde wie wenige. "Es war bigott", sagt Keilholz. "Immer wieder hieß es: Kriminalität gibt es in der DDR nicht mehr. Aber immer wieder sagten meine Eltern: 'Steig niemals in ein fremdes Auto!'" Es gab so viele Widersprüche in den ausgesprochenen und unausgesprochenen Gesetzen der systemtreuen Familie, dass die Jüngste, neun Jahre alt und seit Jahren immer wieder vergewaltigt, schlicht nicht mehr wusste, was richtig war. Und ob es am Ende nicht heißen würde, sie sei selbst schuld, weil sie ja mitgegangen war.

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